Freitag, 22. Oktober 2010
DVD-Tips Le nozze di Figaro
Analog zum Opernführer hier nun meine beiden Lieblings-DVDs der Oper „Le nozze di Figaro“:



Eine Produktion des Royal Opera House Covent Garden von 2006
Besetzung:

Figaro: Erwin Schrott
Susanna: Miah Persson
Graf Almaviva: Gerald Finley
Gräfin Almaviva: Dorothea Röschmann
Cherubino: Rinat Shaham
Dirigent: Antonio Pappano
Regie: David McVicar

Erwin Schrott in der Titelrolle. Schrott ist m.E. kein Jahrhundertsänger, stimmlich kann er mit den ganz großen Interpreten dieser Rolle vielleicht nicht völlig mithalten (dazu fehlen ihm das sinnliche Timbre eines Cesare Siepi oder Ildebrando D’Arcangelo und die feinen Nuancierungen eines Bryn Terfel),
aber wenn alles passt ist er ein guter Sänger. Bei dieser Aufführung im Jahr 2006 (London, Covent Garden) muß es besonders gut gepasst haben, denn Schrotti ist als Figaro umwerfend.
Ich schätze ganz besonders seine Art mit den Rezitativen umzugehen: dieser Sprechgesang kann leicht langweilig wirken, dabei ist er doch so wichtig für den Fortgang der Handlung. Schrott bringt seine Rezitative in einer grandiosen Mischung aus Gesang und Sprache, und so fließend und natürlich, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, sich so miteinander zu unterhalten. Er trägt dadurch entschieden dazu bei, die große Komik dieses Werkes zu transportieren, die bei anderen (eigentlich größeren) Sängern manchmal etwas verloren zu gehen droht.
Dazu hat er das Glück, in einer ungeheuren temporeichen, von viel Situationskomik geprägten Inszenierung singen zu dürfen, und durchweg gute Bühnenpartner zu haben.
Zu nennen wäre da zum Beispiel Gerald Finley der mich als Almaviva nicht nur stimmlich sondern auch darstellerisch überzeugt und der im Laufe der Handlung immer wütender und aufgebrachter wird, schwimmen ihm doch dank Figaros Einmischung sämtliche erotischen Felle davon. Er ist Figaros idealer Gegenspieler, wie er jung, attraktiv und zu allem entschlossen um sein Ziel zu erreichen.
Hier stehen sich nicht nur Herr und Diener, sondern auch zwei potente Männer gegenüber, die um eine Frau kämpfen.
Die Produktion sprüht vor witzigen Ideen und ich habe selten bei einer Figaro-Aufführung soviel gelacht wie bei dieser. Darüber hinaus aber gibt es auch berührend poetische Augenblicke. Am schönsten vielleicht jener Moment kurz vor Beginn von Barbarinas kleiner Arie im letzen Akt: wir sehen auf der Bühne eine alte Frau mit verstörtem Gesicht, dann setzt die Musik ein, aus dem Schnürboden regnet es Rosen, das Gesicht der alten Frau entspannt sich, wird heiter und sie zum jungen Mädchen während Barbarina zu singen beginnt. Wer weiß, vielleicht eine Anspielung auf eine andere Zeit, auf ein anderes junges Mädchen vor der Hochzeit und einen anderen Grafen Almaviva der auf seinem Recht bestanden hat...
Auch die Frauen sind mit Miah Persson (Susanna) und Dorothea Röschmann (Gräfin) hervorragend besetzt. Rinat Shaham singt und spielt einen hinreißenden Cherubino und überhaupt ist diese Aufführung eine der gelungensten die ich kenne und gerade „Figaro-Anfängern“ dringend ans Herz lege.



Besetzung:
Figaro: Bryn Terfel
Susanna: Alison Hagley
Graf Almaviva: Rodney Gilfry
Gräfin Almaviva: Hillevi Martinpelto
Cherubino: Pamela Helen Stephen
Dirigent: John Eliot Gardiner
Queen Elizabeth Hall, London , 1993

Anders als die Aufführung, von 2006 spielt diese Inszenierung tatsächlich in vorrevolutionären Zeiten und immer wieder schimmert durch, daß man hier einen Tanz auf dem Vulkan tanzt. So etwa, wenn Figaro bei seinem Lied vom Tänzchen des Herrn Grafen dessen hölzernen Perückenkopf ergreift und am künstlichen Haarschopf in die Luft hält. Das Publikum weiß, was Figaro nicht ahnen kann: was nämlich diese Geste knapp 15 Jahre später einmal bedeuten wird. Dennoch wird es nie unangemessen beklemmend oder kommt der revolutionäre Holzhammer zum Einsatz, es ist eben doch alles Komödie. Umso stärker wirken die wenigen Momente in denen die grause Wirklichkeit um die Ecke blickt.

Szenisch wurde hier ein sehr malerischer Figaro auf die Bretter gebracht: das Bühnenbild erinnert je nach Beleuchtung an alte Scherenschnitte, im Bühnenhintergrund ist die ganze Zeit der Garten zu sehen in dem der letzte Akt spielen wird, die Innenräume werden durch verstellbare Wände und wenige Requisiten angedeutet. Musikalisch gibt es zu dieser Aufführung nur eines zu sagen: sie gehört nach wie vor zum besten was derzeit auf Video, DVD und auch CD zu haben ist.
Rodney Gilfry ist ein großartiger Almaviva, der hervorragend singt, hervorragend spielt und ganz unverschämt gut aussieht. Er verkörpert den despotischen Ehemann auf Abwegen ebenso glaubhaft wie den reuigen Sünder. „Contessa perdono...“ habe ich nie so innig gehört, er meint das in diesem Moment vollkommen ernst, egal wie schwach er morgen oder in drei Monaten wieder werden wird.

Alison Hagley ist eine sehr gute, robuste und resolute Susanna, der man anmerkt, daß sie ihr Geld mit körperlicher Arbeit verdient (und nicht nur ein Theater-Kammerkätzchen ist) und in deren Augen manchmal die nackte Angst steht, da sie weiß, daß der Herr Graf durchaus Macht über sie und Figaro hat die er, wenn es er denn wirklich drauf anlegen würde, missbrauchen könnte. Sie versteht es wunderbar, die zwei Seiten von Susannas Charakter musikalisch und darstellerisch glaubhaft zu machen: das muntere Mädchen, das Spaß an Scherz und Verkleidung hat, und die liebende junge Frau, die um ihr Glück kämpft, sich nach Frieden sehnt und doch die Krallen ausfahren kann wenn sie sich verraten glaubt.

Hillevi Martinpelto gefällt mir als Gräfin ebenso gut wie Dorothea Röschmann und wie sie singt und spielt sie die traurige Gattin in der immer noch etwas von dem lebhaften Mädchen, das sie vor wenigen Jahren noch war schlummert, zum Entzücken. Ganz besonders hübsch auch die Szene, in der die vernachlässigte Ehefrau sich ein bisschen in Cherubino verguckt und sich einen Spaß daraus macht, ihn zu verwirren, bis ER schließlich SIE verwirrt.

Zum Schluß Bryn Terfel als Titelheld:
Wie ist der Mann genial. Er ist ein mitreißender Figaro, der nicht ganz so lebhaft über die Bühne springt wie Erwin Schrott und weniger testosterongesättigt und machohaft auftritt, und doch (oder gerade deshalb?) um einiges bedrohlicher wirkt, und der im Übrigen alles mit seiner wunderbaren Stimme ausdrückt. Er ist nicht nur ein aufmüpfiger und kampfbereiter, sondern auch ein besorgter Figaro, dem es, bei aller Komik, nicht nur darum geht, einen Rivalen aus dem Feld zu schlagen, sondern auch, die Frau zu beschützen die er liebt. Überhaupt sind die beiden ein rührendes Liebespaar, wie sie entschlossen sind, sich ihr Glück Gott und der Welt zum Trotz zu erringen.

Ein Kritiker schrieb über diese Aufführung:

"Perhaps this is the near-perfect Figaro we’ve all been waiting for..."
Für mich ist er das ohne Frage.

Da die Aufführung in jeder Hinsicht überzeugt, lohnt auch die Anschaffung der Gesamtaufnahme, die zwar teuer, aber (mal abgesehen von der historischen Aufnahme mit Cesare Siepi von 1954 unter Erich Kleiber), nahezu unerreicht ist.
Bryn Terfel hat vor einiger Zeit verlauten lassen, daß er den Figaro möglicherweise nie mehr singen werde. Das ist mehr als bedauerlich, gut daß es dieses Dokument gibt.
Kleiner Wehrmutstropfen: das Video enthält leider keiner Untertitel, die bei dieser Oper aber erforderlich wären, es sei denn, man verfügt über sehr gute Italienischkenntnisse. Daher wäre die DVD dem Video vorzuziehen.

... link (2 Kommentare)   ... comment